justamyth: (books1)


Broschiert, 384 Seiten
2009, Bloomsbury Verlag
Gelesen: 24.12. - 30.12.2011


Zuerst sollte ich vielleicht klar stellen, dass ich vom modernen Afghanistan nur wenig weiß. Allein deswegen war das Buch schon für mich interessant, weil hier zwar das Schicksal der beiden weiblichen Protagonistinnen im Vordergrund steht, darüber hinaus man aber auch einen Einblick in die Geschichte Afghanistans zwischen 1973 und 2003 bekommt.
Die Handlung wird aus zwei Perspektiven erzählt. Zunächst lernen wir Mariam kennen, die unehelische Tochter eines reichen Mannes, die in einer kleinen Hütte nahe Herats aufwächst. Ihre Kindheit verläuft relativ glücklich, wenn man einmal davon absieht, dass ihre Mutter verbittert und etwas verrückt ist, und ihr Vater sie zwar regelmäßig besucht, aber sie nicht bei sich leben lässt, weil seine Familie ihn dazu zwingt. Als Mariams Mutter Selbstmord begeht ist es eben wegen dieser Ohnmacht des Vaters, dass sie mit 15 Jahren in einer Zwangsehe mit Raschid endet, der nicht nur wesentlich älter ist, sondern wie sich bald herausstellt auch jähzornig und gewaltätig.
Danach lernen wir Laila kennen, die bei ihren Eltern in Kabul aufwächst und eigentlich zwei Brüder hat, die aber im Dschihad gegen die Soviets kämpfen, worunter besonders Lailas Mutter leidet, die sich meistens in ihrem Zimmer verschanzt und Laila kaum Aufmerksamkeit schenkt, so dass Laila vorallem zu ihrem Vater eine enge Beziehung pflegt. Schließlich ziehen die Soviets ab, doch anstatt Frieden herrscht bald Bürgerkrieg in Kabul, vor dem viele Menschen fliehen und bei dem auch viele sterben. So auch Lailas Eltern als eine Bombe ihr Haus trifft. Es ist ausgerechnet Raschid, der sie aus den Trümmern zieht und bei sich aufnimmt. Nicht ganz ohne Hintergedanken wie sich bald herausstellt, denn er will Laila als zweite Ehefrau.
Zu diesem Zeitpunkt sind Raschid und Mariam bereits 18 Jahre verheiratet, allerdings ohne Kinder. Als Laila davon erfährt, dass ihr geliebter Tarik tot sein soll, willigt sie in die Heirat ein, denn sie ist von Tarik schwanger. Raschid ist ihr gegenüber bis zur Geburt der kleinen Aziza wohlwollend gestimmt und behandelt sie wie eine Prinzessin. Doch schon bald leidet sie unter dem gleichen Missbrauch wie auch schon Mariam und zwischen den beiden entwickelt sich eine wundervolle Freundschaft.

Es ist schockierend wie ausgeliefert die beiden Frauen ihrem Mann sind, denn was im Heim einer Familie vor sich geht, interessiert die Behörden nicht. Zudem haben weder Mariam noch Laila eine Familie an die sich wenden könnten. Dieser Zustand wird durch das Erscheinen der Taliban nur noch verschlimmert, die die Frauen in ihren Rechten nur noch mehr einschränken. Denn die Taliban erlassen Gesetzte wonach Frauen nicht mehr arbeiten dürfen, wonach sie niemals ohne Begleitung eines Mannes überhaupt das Haus verlassen dürfen, wonach Kinder nicht mehr zur Schule gehen dürfen. Frauen werden damit völlig abhängig von ihren männlichen Verwandten gemacht. Wie absurd das Ganze ist, zeigt sich als Raschid seinen Arbeitsplatz verliert und eine Zeit lang keine Arbeit findet oder aufgrund seines miesen Verhaltens bald wieder gefeuert wird: Die Familie steht kurz vorm Verhungern, weil weder Laila noch Mariam arbeiten gehen dürfen. Sie müssen schließlich Aziza in ein Waisenhaus geben, damit diese nicht verhungert.

Der Kampf für Gleichberechtigung am Arbeitsplatz in der westlichen Welt wirkt im Vergleich dazu, naja, irgendwie banal. Klar ist es scheiße wenn Männer bevorzugt behandelt werden obwohl eine Frau die gleiche Leistung erbringen könnte, aber immerhin werden wir nicht zwangsverheiratet, können unseren Ehemann anzeigen wenn er sich an uns vergreift, dürfen arbeiten gehen wo und wann wir wollen, müssen nicht unsere Gesichter verstecken, werden nicht verprügelt wenn wir ohne männliche Begleitung unterwegs sind, dürfen uns schminken, dürfen anreizende Kleidung tragen, dürfen in der Öffentlichkeit lachen, dürfen zur Schule, etc. Kurz, ich bin froh niemals das Schicksal von Frauen wie Mariam und Laila teilen zu müssen.

Die Heldin dieses Buches ist für mich übrigens Mariam, da diese sich opfert, damit Laila am Ende doch noch ein vielleicht glückliches Leben leben kann. Wobei mich Laila auch beeindruckte als sie immer wieder versuchte ihre Tochter im Waisenhaus zu besuchen, obwohl sie regelmäßig Prügel bezog, wenn Raschid sich weigerte sie zu begleiten.

Etwas unglücklich bin ich mit dem Ende, das doch etwas künstlich wirkt. Einige Rezensionen weißen zurecht darauf hin, dass ausgerechnet die jüngere, *hübschere*, gebildete und fruchtbare Laila doch noch ihr Glück findet, während Mariam, ihr genaues Gegenteil, im Gefängnis landet und hingerichtet wird. Nicht nur das, sondern sie findet es ausgerechnet mit Tarik, von dem wir erfahren, dass man Laila belogen hatte und er gar nicht gestorben ist, sondern mehrere Jahre in einem Gefängnis verbrachte.

Eine andere Sache, die mich sehr gestört hat war die Verwendung afghanischer Wörter mit anschließender Übersetzung, so dass da im Prinzip zweimal das gleiche Wort stand. Ich finde man hätte das entweder ganz weglassen sollen oder die Übersetzung in einer Fußnote schreiben sollen. Wobei letzteres mich wahrscheinlich nur wieder an schlechte Fanfiction erinnert hätte, in denen die Autoren gerne die paar wenigen ihnen bekannten japanischen Wörter einbauten.


Bewertung: 3.5/5

Goodreads: 4.28
Amazon: 4.8

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